Absurdes, poetischisches, unverzeihliches, kapriziöses und berührendes in Form des geschriebenen Wortes.
Texte, die in wesentlichen Fragen entlang des Abgrundes unterstützend begleiten.

Der Heiligabend war soweit überraschend gut verlaufen. Ungewöhnlich für diese Familie, in der sich eigentlich die Animositäten bereits am Nachmittag dieses speziellen Tages freien Lauf ließen. Diesmal war es anders, bislang waren noch keine Möbel geflogen. Alles lief also soweit gut. Bis dann Ilona gegen 19:30 Uhr im angetrunkenen Zustand meinte, sie müsste sich nun mit ihrem nackten Arsch in den Rotkohl setzen. Ihr Mann Ulrich reagierte mit einem schweren Ausatmen und einem seltsam zuckenden Mund. Er hatte wie jedes Jahr am Vortag das Weihnachtsessen stundenlang zubereitet. Der Rotkohl war ein essenzieller Teil davon. Dessen Rezept hatte Ulrich über die Jahre hinweg immer weiter verfeinert. Nun schien Ilona noch ihren ganz eigenen Teil dazu beitragen zu wollen. Oder sie wollte ihn ärgern. Oder sie fand das im Suff lustig. Für Ulrich war das in diesem Moment egal. Er wollte jetzt sowieso nicht ihre eventuellen Beweggründe erörtern. Stattdessen stand er auf, ging zügig zum Schuppen und betrat kurze Zeit später wieder das Wohnzimmer.
Zwei Dinge waren nun insbesondere an ihm zu bemerken: Sein entschlossener Gesichtsausdruck und die Kettensäge in seinen Händen.
Die eintreffenden Kriminalpolizisten waren natürlich einiges gewohnt. An Weihnachten hatten sie immer alle Hände voll zu tun. Dennoch staunten sie über das überall verteilte Blut - am Christbaum, an den Wänden. Auf dem Wohnzimmertisch.
Opa Martens saß noch immer an diesem festlich gedeckten Tisch und füllte sich gerade noch mal den Teller auf. „Irgendwie nervöse Stimmung diesmal.“ Er kippte einen Korn und aß weiter. „Entschuldigen Sie, dies ist jetzt ein Tatort und den müssen Sie bitte nun verlassen.“ , versuchte eine Kripobeamtin, dem alten Mann die aktuellen Umstände nahezubringen. „Warum nicht?“ , entgegnete Opa Martens, „Schalt mal ein, welche Folge kommt denn heute?“ „Das Alter hat auch seine Vorteile“ , sagte die Frau von der Polizei zu einem Kollegen. „Alles klar, die Folge kenne ich noch nicht.“ , meinte Opa Martens und nestelte an der Fernbedienung herum.
Einem ersten übersendeten Kurzbericht über die Ergebnisse der rechtsmedizinischen Untersuchung konnte man am folgenden Tag entnehmen, dass Ilona in sieben Teile zerlegt worden war. Ulrich’s Lieblingszahl.
Kriminalhauptkommissar Erich Ehlers fuhr am frühen Nachmittag dieses Tages zur Gerichtsmedizin, um vor Ort weitere Einzelheiten zu erfahren. Mit dem Leiter des Instituts, dem Facharzt für Rechtsmedizin Dr. Otto Wilkens, ist er schon seit vielen Jahren befreundet. Auf dem Obduktionstisch liegen die Leichenteile in einer Reihe von links nach rechts: Die beiden Beine parallel und längseitig zum Tisch, rechts daneben die Arme, ebenfalls parallel, jedoch quer zum Tisch. Dann der Kopf und schließlich der Rumpf in zwei Teilen, da dieser vom Täter noch mal durchgesägt worden war. „Warum hast du sie denn nicht so hingelegt, wie die Teile eigentlich aneinander gehören?“ , fragt KHK Ehlers.. „Ich wollte für dich ein Puzzle draus machen.“ , antwortet Wilkens. „Verstehe.“ „Käffchen?“ „Hab ich dazu schon mal nein gesagt?“
Dr. Wilkens nimmt zwei Becher aus dem Hängeschrank und schenkt aus einer Thermoskanne Glühwein ein. „Ist ja schließlich Weihnachten.“ Er reicht seinem Freund einen Becher.
„Na dann, frohe Weihnachten, Otto.“ , sagt Erich. Für Gerichtsmediziner Otto Wilkens ist es heute der fünfte Glühwein. Der Job, das Alleinsein, dass älter werden. Gründe gibt es immer - und wenn ihm mehrere Gründe auf einmal in den Sinn kamen gab’s Glühwein mit Schuss. „Kontrollierter Alkoholiker“ nennt er sich, während sein Freund Erich eher von ambitioniert spricht. Jedenfalls erhebt Otto jetzt seinen Becher in Richtung der zerstückelten Leiche: „Frohe Weihnachten.“
Und wie sie beide so in Richtung der Leichenteile gucken, erstarren schlagartig ihre Gesichter: Hatte da nicht eben die Hand an dem rechten Arm zu ihnen rübergewunken? Erich fragt: „Was hast du in den Glühwein getan?“ Normalerweise könnte man ihm Respekt zollen, dass er nach diesem Vorkommnis noch zu einem Scherz in der Lage ist. Es ist jedoch mehr ein Automatismus. Alle Arten von sarkastischen Bemerkungen gehören schon seit langem zum Repertoire beider Männer. Ja, sie sind so eine Art Bindeglied ihrer Freundschaft. Die beiden sehen sich stumm an und ein riesiges Fragezeichen steht im Raum. „Sag noch mal was zu ihr.“ , flüstert Ehlers. „Mach du doch.“ , flüstert Wilkens zurück. Seine Hand mit dem Becher zittert so, dass der Glühwein auf den Boden schwappt. Das könnten sie draußen niemanden erzählen, ohne das es sofort für einer ihrer dämlichen Scherze gehalten werden würde.
Plötzlich schallt ein lautes und freundliches „Moin, die Herren!“ durch den Raum. Diese zucken zusammen, als wären sie zwei kleine Mäuse, welche gerade ihrem größten Fressfeind begegnen.
„Was ist denn los mit euch beiden, ihr seht ja leichenblass aus.“ Zu dieser Bemerkung mit örtlichem Bezug grinst die Sekretärin des gerichtsmedizinischen Institutes süffisant. Jedoch ändert sich ihr Gesichtsausdruck sofort und ebenso verwundert wie besorgt schaut sie nun die Männer an.
Sarah Moreau ist eine attraktive Frau Mitte 40 - und genau so sieht sie sich auch selbst. Wobei sie in den Partnerbörsen aus taktischen Gründen zehn Jahre abzieht. Gegenüber ihrer besten Freundin legitimiert sie das mit der Aussage: „Mitte 40 ist ja eigentlich das neue Mitte 30.“ Was diese wiederum mit „Ah ja.“ quittiert. Aufgrund ihrer Erscheinung kam es öfters vor, dass sie für die Leiterin des Instituts gehalten wurde. Otto hatte mal zu Erich gesagt: „Seitdem ich Sarah kenne, geht Frau für mich erst ab 40 los.“ Doch jetzt war gerade eine ganz andere Thematik akut.
„Na ja, jedenfalls hast du sie ja soweit ganz stimmig hingelegt.“ , sagt Sarah jetzt mit Blick auf den Tisch mit der Edelstahloberfläche.
Alle drei schauen zur zerteilten Leiche von Ilona Schmidt. Deren Einzelteile liegen nun so beieinander, wie ein menschlicher Körper eben gebaut ist. Kommissar Ehlers zuckt mehrmals spastisch. Doktor Wilkens zittert jetzt am ganzen Körper und greift nach Sarahs Hand. „Meine Güte.“ , mit diesen Worten geht Sarah in die Knie und legt ihre Hände beruhigend auf Otto’s Beine. „Was hast du denn?“ , fragt sie mit sanfter Stimme und denkt: Entzug überfällig. „Ja was hast du denn, ja was hat er denn, ja was hat er denn wohl.“ Immer lauter werdend kreischt Ehlers diese Worte und zuckt dabei mehrmals heftig. Dann geht er in einen Heulkrampf über. Vor fünf Jahren geschieden. Seitdem jedes Weihnachten allein in seiner eher ungepflegten Wohnung. Die Kinder waren dieses Jahr gar nicht da. Sind ja nun auch schon älter. Die Geschenke stehen noch traurig an seinem Wohnzimmertisch. Er hat emotional null Reserven. „Puh" , kommt nun von Sarah - und nach einer kleinen Pause: „Könnt ihr mir bitte ganz ruhig sagen, was hier los ist, was hier passiert ist?“ Wilkens versucht das, fängt an zu reden und sieht dabei zum Tisch. Er verstummt. Erich Ehlers und Frau Moreau folgen nun seinem Blick und schauen ebenfalls zum Seziertisch. Der ist jetzt leer.
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Story & Illustration: © 2025 Mario Stresow. Es gilt das deutsche Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten.